Differenzbesteuerung bei Wiederverkäufern
Differenzbesteuerung bei Wiederverkäufern – Neue EuGH-Vorlage zum Vertrauensschutz
Update vom 19.02.2025
Der BFH hat mit Beschluss vom 19.02.2025 – XI R 23/24 dem EuGH eine unionsrechtlich hochrelevante Frage vorgelegt:
Steht Art. 314 MwStSystRL unter Beachtung des Effektivitätsgebots einer nationalen Praxis entgegen, die einen guten Glauben des Wiederverkäufers an die Voraussetzungen der Differenzbesteuerung nur außerhalb des Steuerfestsetzungsverfahrens im gesonderten Billigkeitsverfahren berücksichtigt?
Hintergrund des Falls
- Klägerin: Wiederverkäuferin von Luxusuhren
- Beanstandung durch das Finanzamt: Differenzbesteuerung zu Unrecht angewendet
- Begründung: Vorlieferanten hätten unzutreffend die Anwendung des § 25a UStG auf Neuwaren angegeben; Ankauf von Gebrauchtwaren nicht nachgewiesen
- Finanzamt: Regelbesteuerung stattdessen, keine Vertrauensschutzregelung im Festsetzungsverfahren
- FG: Klage abgewiesen, Vertrauensschutz nur im Billigkeitsverfahren (§ 163 AO / § 227 AO) möglich
Rechtsfrage im Fokus
- Art. 314 MwStSystRL regelt die Differenzbesteuerung bei Wiederverkäufern von Gebrauchtgegenständen
- Streitpunkt: Muss Differenzbesteuerung auch dann gewährt werden, wenn objektiv die Voraussetzungen fehlen, der Wiederverkäufer aber gutgläubig war und auf die Angaben des Lieferanten vertraut hat?
- Klägerin stützt sich u. a. auf EuGH-Urteil vom 18.05.2017 – C-624/15 (Gutglaubensschutz im Mehrwertsteuerrecht)
Einordnung durch den BFH
- Deutsches Recht: Kein Gutglaubensschutz bei § 25a UStG im Festsetzungsverfahren
- Vergleich: Abweichend zu steuerfreien innergemeinschaftlichen Lieferungen oder Reverse-Charge
- Folge: Schutz nur im Billigkeitsverfahren – zweistufig, mit doppeltem Prozessrisiko
- BFH-Kritik: Praxis benachteiligt Steuerpflichtige, da Festsetzung und Billigkeitsverfahren getrennt geführt werden müssen
- Unionsrechtliche Frage: Verstößt dies gegen das Effektivitätsgebot?
Praxisbedeutung für Steuerberater
- Risiko: Wiederverkäufer können oft nicht verlässlich prüfen, ob Vorlieferant Differenzbesteuerung zu Recht angewandt hat
- Offene EuGH-Entscheidung: Mögliche Stärkung des Gutglaubensschutzes direkt im Festsetzungsverfahren
- Bis zur Entscheidung:
- Im Steuerfestsetzungsverfahren explizit auf Vertrauensschutz berufen
- Gleichzeitig Billigkeitsmaßnahmen beantragen (§ 163 AO / § 227 AO)
- Hinweis auf § 163 Abs. 2 AO: BFH empfiehlt Verbindung beider Verfahren (vgl. Rz. 33 der Vorlage)
Praxistipps
- Dokumentation: Rechnungen mit Hinweis auf § 25a UStG sorgfältig archivieren
- Lieferantenprüfung: Möglichst Handels- oder Gewerbenachweise, Einkaufsquellen und Produktzustand dokumentieren
- Parallelverfahren: Festsetzungs- und Billigkeitsverfahren strategisch verbinden
- Mandantenhinweis: Erhöhtes Risiko bei Handel mit Waren, bei denen Originalzustand schwer nachprüfbar ist (Luxusgüter, Elektronik)
Fundstellen & Lesetipp
- BFH, Beschluss vom 19.02.2025 – XI R 23/24 (Vorlage an EuGH)
- EuGH, Urteil vom 18.05.2017 – C-624/15
- NWB Nr. 32 vom 08.08.2025, S. 2189 – Detaillierte Analyse zu Herausforderungen und Vertrauensschutz bei der Differenzbesteuerung
💡 Fazit:
Die Vorlage XI R 23/24 könnte für Wiederverkäufer und ihre Berater einen Paradigmenwechsel bringen. Ein unionsrechtlich verankerter Gutglaubensschutz im Festsetzungsverfahren würde den Verfahrensaufwand deutlich reduzieren und das Risiko doppelter Prozesse senken. Bis dahin gilt: Vertrauensschutz immer schon im Steuerfestsetzungsverfahren geltend machen und nicht allein auf Billigkeitsentscheidungen warten.
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Quelle: BMF
Autor: NAUTILUS-Akademie
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